Interessenabwägung reloaded

Donnerstag, 21.01.2021
Eine wissenschaftliche Arbeit des Bündner Raumplaners Linus Wild befasst sich mit den ethischen Ansprüchen an die raumplanerische Praxis und eröffnet damit eine neue Sichtweise auf die Interessenabwägung. Die anschaulich beschriebenen theoretischen Grundlagen werden anhand zweier Praxisbeispiele diskutiert.

Was haben gute Tischmanieren mit dem Abbruch einer Wohnkolonie aus den 40er-Jahren zu tun? Auf den ersten Blick nichts. Dennoch gelingt es Linus Wild, am Beispiel von Tischmanieren aufzuzeigen, wie eine Sitte das tägliche Leben erleichtert und wie mit Ethik Prinzipienkonflikte gelöst werden können.

Schritt für Schritt führt er die Leserin und den Leser durch die Begriffe, um die für die Raumplanung wesentliche Interessenabwägung nachvollziehbar und verständlich zu machen. Zwei Beispiele aus der Praxis helfen dabei: Eines davon handelt von den erwähnten zwölf Einfamilienhäusern (der Wohnkolonie Waldhaus) in Chur. Linus Wild zeigt minutiös auf, wieso die von den zuständigen Fachstellen durchgeführte Interessenabwägung unvollständig war – wie dies leider zu oft der Fall ist – und demnach gar zu einem anderen Resultat hätte führen können.

Die sorgfältige und differenzierte Herangehensweise des Autoren macht die Publikation sowohl für Laien als auch für Fachleute äusserst lesenswert. Er zeigt auf, wie anspruchsvoll eine umfassende Interessenabwägung sein kann und wie wichtig es ist, sich auch – oder gerade – bei der Lösung raumplanerischer Konflikte auf ethische Prinzipien abzustützen.

WILD LINUS, Prinzipienkonflikte in der Schweizer Raumplanung, Zürich 2021.

Online bestellbar beim vdf Hochschulverlag der ETH Zürich

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