Raumentwicklung und Digitalisierung: Wer, wenn nicht wir?

Florian Inneman, Raumplaner, Siedlungsberatung EspaceSuisse
Mittwoch, 13.07.2022
Digitalisierung wirkt sich konkret auf den Raum und die Raumnutzung aus. Sie hat auch für Planerinnen und Planer manches vereinfacht, dennoch steht das Thema selbst meist kaum im Fokus. Wie könnte die Digitalisierung der Raumentwicklung und der Gesellschaft dienen? Ein Rückblick auf den diesjährigen Jahreskongress von EspaceSuisse und ein Plädoyer für eine aktivere Rolle der Raumplanung in der digitalen Welt.
Hier manifestiert sich die Digitalisierung im physischen Raum: ein Rechenzentrum in der Industriezone von Münchenstein BL. (Foto: Florian Inneman, EspaceSuisse)

Die Digitalisierung läuft. Und dies schon eine Weile. Spürbar hat sie unseren Alltag verändert: per App kurz ein E-Bike in der Nähe mieten oder für ein paar Tage per Klick eine Wohnung in Venedig buchen. Die nächste Bestellung beim Online-Shop ist auch in Kürze erledigt. Was auf der individuellen Ebene harmlos klingt, ist raumwirksam: In touristischen Städten werden Wohnungen vermehrt touristisch genutzt, vielerorts blockieren abgestellte E-Scooter den öffentlichen Raum, und was das Online-Shopping betrifft, kurven zunehmend Lieferwagen durch unsere Strassen.

Bei Planerinnen und Planern steht der physische Raum im Fokus – der digitale Raum scheint eher Aufgabe für jemanden aus dem Silicon Valley oder dem Amt für Geoinformation zu sein. Smart City taucht als Begriff zwar mehr und mehr auf, aber was das genau heisst, bleibt vielfach schwammig. Und als mittelgrosse und kleine Gemeinde ist die Digitalisierung angesichts des Planungsalltags häufig weit weg.

Smart Geneva

Wie könnte sie also aussehen, die Digitalisierung im Dienste der Gesellschaft? Ein spannender regionaler Ansatz kommt beispielsweise aus Genf: Die Plattform «Smart Geneva» unterstützt innovative Ideen und vernetzt Akteure aus der Wirtschaft, der Wissenschaft sowie der Verwaltung. Projektleiter Patrick Montier führte am Jahreskongress von EspaceSuisse aus, dass nur jene Ideen gefördert werden, die nachhaltig sind und der Allgemeinheit dienen. Laufende Projekte sind unter anderem eine GIS-Plattform für die Kreislaufwirtschaft oder das Programm GeniLac, das Seewasser für die Kühlung und Heizung von Gebäuden nutzt.

Keine Digitalisierung ohne Daten ...

Um kluge Lösungen für aktuelle Probleme zu entwickeln, muss man verstehen, was im Raum geschieht: Dies setzt entsprechende Daten voraus. Warum und zu welchem Zweck Daten erhoben werden, sind daher legitime Fragen. Dr. Dirk Engelke, Professor an der Fachhochschule OST, verwies in seinem Referat auf die Datenethik: So hat die deutsche Stadt Ulm ein Datenethikkonzept erarbeitet, um Transparenz und die demokratische Kontrolle sicherzustellen. Eine nachhaltige Digitalisierung kann die gesellschaftliche Seite nicht einfach ausblenden.

... und keine Daten ohne Strom

Wo mit Daten gearbeitet wird, braucht es bekanntlich Energie. Der Stromverbrauch ist denn auch eine Schattenseite der Digitalisierung. So verbrauchten gemäss einer vom Bundesamt für Energie (BFE) in Auftrag gegebenen Studie allein die Schweizer Rechenzentren und Server-Räume 2019 rund 2,1 Terawattstunden, was 3,6 Prozent des landeseigenen Stromverbrauchs ausmacht. Dies mag zwar nicht besonders hoch erscheinen. Zu denken gibt allerdings der Umstand, dass in diesem Bereich durch Effizienzmassnahmen ein Einsparpotential von rund 46 Prozent besteht.

Mobilität

Auch im Bereich der Mobilität geht es darum, wie wir mit unseren Ressourcen umgehen. Zudem ist die Mobilität erheblich raumwirksam. Die technologische Entwicklung verändert bereits heute die Mobilität im Alltag und wird auch zu weiteren Änderungen führen. Allerdings löst die Technologie allein noch keine Verkehrsprobleme. Ein selbstfahrendes Elektroauto als Beispiel braucht nicht weniger Platz als ein konventionelles Auto. Zudem gibt es auf kurzen Strecken bereits heute meist Alternativen. Das Beispiel verdeutlicht, dass je nach Thema ein gesellschaftlicher Diskurs notwendig, und die «digitale Lösung» allein nicht ausreichend ist. Weiter besteht mit selbstfahrenden Fahrzeugen die Gefahr, dass wir am Ende mehr und nicht weniger Verkehr auf den Strassen haben werden.

Digitalisierung als Chance – aber wer ist zuständig?

Der Kongress von EspaceSuisse hat deutlich gemacht, dass Digitalisierung nicht zum Selbstzweck betrieben werden darf. Eine nachhaltige Digitalisierung im Dienste der Raumentwicklung bietet Chancen, den aktuellen Herausforderungen zu begegnen. Die Digitalisierung kann unter anderem eine Hilfe bei der Bewältigung des Klimawandels sein, einen Beitrag zu besseren Grundlagen für Entscheide liefern, Abläufe effizienter gestalten und auch für mehr Transparenz und Beteiligung sorgen. Dabei sind alle drei Staatsebenen gefordert. Die Frage nach den optimalen Zuständigkeiten und Kompetenzen der verschiedenen Staatsebenen ist und bleibt derzeit aber unbeantwortet. Dabei sind auch europäische und globale Entwicklungen zu berücksichtigen – das Internet endet bekanntlich nicht an der Landesgrenze.

Fazit

Auch in Zukunft wird die Digitalisierung raumwirksam sein. Damit sie Mehrwerte bringt, müssen Planerinnen und Planer Entwicklungen im Auge behalten und rechtzeitig agieren. Dies setzt eine Auseinandersetzung mit der Thematik voraus. Aktuell zeigt sich, dass die Künstliche Intelligenz bei komplexen Aufgaben nach wie vor an ihre Grenzen kommt. Der Computer wird uns Planerinnen und Planer das Denken folglich (noch) nicht abnehmen. Als Fachpersonen sind wir gefordert, uns in die Diskussion einzubringen und nicht einfach die nächsten Innovationen und Geschäftsmodelle von Technologiefirmen abzuwarten. Gleichzeitig ist klar, dass es sich hierbei nicht nur um rein fachlich planerische, sondern um komplexe politisch gesellschaftliche Aushandlungsprozesse handelt. Dies wiederum ist doch eigentlich eine klassische Aufgabe für Planerinnen und Planer. Also: Wer, wenn nicht wir? Und wann, wenn nicht jetzt?

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